Interviewpassagen in Citizen Science von Peter Finke

Ich mache inzwischen wirklich gern bei Pflanzenkartierungen mit. Am Anfang war ich noch schlecht, aber ich bin mitgegangen und habe dazu gelernt. Es waren immer gute Leute dabei. Jetzt bin ich auch schon ziemlich gut. Nur bei Gräsern habe ich noch größere Probleme. Was wir machen, ist wichtig. Es dient unter anderem dazu, einen Überblick darüber zu bekommen, was der sonst kaum bemerkte Landschaftswandel anrichtet und wo man Schutzgebiete einrichten muss.

Eine Verwaltungsangestellte

 

All das, was uns an der Universität belastet – die Stellenstreichungen, die unzureichende Ausstattung, der enge Rahmen der Studienordnungen, die viele Gremienarbeit, die nicht immer freundschaftliche Konkurrenz der Kollegen usw. – gibt es in unserem Verein für natur- und kulturwissenschaftliche Heimatforschung nicht. Auch deshalb mache ich dort gern mit. Hier sind die Leute noch dankbar für jede Entdeckung, jede Bestimmungshilfe.

Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter

 

Manchmal versuche ich mir vorzustellen, wie Wissenschaft wohl früher ausgesehen hat, als es noch nicht diese ganze Spezialisierung und die vielen Universitäten mit den vielen Studenten gab. Und ich denke, was wir heute im Verein machen, das ist vielleicht eine solche frühere Form von Wissenschaft. Aber dann frage ich mich doch wieder, ob das sein kann, denn wir leben ja in der heutigen Zeit und sehen überall die Spuren der Technik und der Wissenschaft. Doch wir setzen uns auch damit auseinander. Ist also unsere Form von Wissenschaft nicht doch – selbstverständlich – heutige Wissenschaft?

Eine Hauptschullehrerin

 

Wir hatten uns monatelang auf dieses Gespräch im AKW Brokdorf vorbereitet. Ich habe Hunderte von Seiten Informationen über Kernkraftnutzung verschlungen. Das Ganze sollte ein »Dialog« werden, aber es wurde keiner: Es wurde eine Fragestunde. Wir durften Fragen stellen, die Experten antworteten.
Es war sehr wichtig, dass wir uns viel Wissen angeeignet hatten. Wir traten nicht nur mit Sorgen auf, sondern auch mit Fakten. Bei zwei Fakten sahen die Experten ganz schlecht aus. Das eine war ihre Rede vom »Restrisiko«, das natürlich bliebe (»der menschliche Faktor«). Dieser angeblich vernachlässigbare Rest enthielt ausgerechnet den möglichen GAU. Und das zweite war ihre Aussage, für das fehlende Endlager müsse die Politik sorgen. Gorleben stand schon im Raum. Heute, nach der Wiedervereinigung, liegt es mitten in unserem Land. Wir wollen nicht, dass die Fragen und das Faktenwissen der Menschen bei solchen existenziellen Entscheidungen ungehört bleiben.

Eine Ärztin

 

Es ist schade, dass Feyerabend sich durch seine Lust an der Übertreibung selbst um seine Wirkung bringt. Denn er hat Recht. Wir haben leider sehr oft eine Wissenschaft für starre Rechthaber und brave, wenig flexible Nachschwätzer, aber wir bräuchten eine für offene Neugierige ohne Scheuklappen, nicht Gefolgsleute, sondern unabhängige Denkpioniere, kurz: eine Wissenschaft für freie Menschen. Genau dies hat auch Feyerabend gewollt. Doch dann bricht seine Lust an der Provokation wieder durch und er sagt: Es sind alles nur Rituale wie die der Medizinmänner eines fernen Stamms. Dies finde ich nicht. Ich denke schon, dass wir ihnen gegenüber etwas hinzugelernt haben, nur wir müssen eben noch einiges mehr hinzulernen.

Eine junge Wissenschaftlerin

 

Ich bin Wissenschaftler. Aber am wohlsten fühle ich mich nicht im Labor in meiner Firma, sondern abends, wenn ich mit ganz normalen Leuten zusammen bin und über moderne Chemie und anderes diskutiere. Meine Freunde dort sind keine Wissenschaftler, sondern Grundschullehrer, Hausfrauen, auch ein paar Studenten, und Rentner, Kaufleute, Verwaltungsbeamte. Bei diesen Gesprächen habe ich nicht den Eindruck, dass Wissenschaftler rationaler denken als andere Leute. Hier suchen wir alle noch nach einem Sinn. Das haben die Profis in ihren Fakultäten längst aufgegeben. Dort such jeder nur seinen Erfolg und bastelt an seiner Karriere.

Ein Chemiker

 

Ich habe Volkswirtschaft studiert und bin Statistiker in einer Stadtverwaltung geworden. Aber am meisten hat mich immer Geschichte interessiert. Deshalb habe ich zwischendurch immer mal etwas Historisches erforscht und publiziert. Jetzt beschäftige ich mich gerade mit den Nazis in meiner Stadt.
Die hauptamtlichen Historiker tun mir fast leid. Sie können meistens nicht tun und lassen, wozu sie Lust haben, sondern müssen sich den Strukturbedingungen ihrer Institution und Disziplin unterordnen. Und wenn sie dann auch nicht den Methoden der gerade aktuellen Historikerschule folgen, wird ihre Arbeit auch noch von den Zunft als »überholt« gebrandmarkt.
Ich habe den Eindruck, an der Universität geht es oft nicht um Wissenschaft und Wissenschaftler, sondern darum, wie man sich profilieren kann, den Vorgaben eines Ministeriums folgt oder brav den Lehrplan erfüllt.

Ein Statistiker

 

Vor kurzen hat mir ein Industriemanager gesagt (und es klang fast etwas drohend): »Die deutsche Wissenschaft arbeitet immer noch viel zu ineffizient. Wir gründen demnächst eine neue Hochschule. Da werden wir mal zeigen, was man durch konsequente Beachtung des Prinzips der Effizienz erreichen kann.«
Da frage ich mich doch, so wichtig Effizienz auch sein mag: Ist sie ein wissenschaftlicher Begriff oder einer aus der Wirtschaft? So gut es ist, wenn wir Geld und Zeit sparen können: Muss die Suche nach der Wahrheit immer darauf Rücksicht nehmen? Gibt es nicht Wichtigeres? Kreativität zum Beispiel? Das Unbekannte richtet sich nicht nach Engpässen, die es auf dem Weg dorthin geben mag. Wie viel Forschungsökonomie ist nötig und wie viel müssen wir lediglich aufgrund der Macht der Wirtschaft ertragen?

Eine Lehrerin

 

Vor jeder Konkurrenz um Wahrheit geht es in unseren Universitäten um die Konkurrenz um Stellen. Das muss man einmal so deutlich aussprechen. Selbst in den Teams arbeiten die einzelnen Mitglieder nicht nur kooperativ, sondern auch gegeneinander. Man hat das gemeinsame Ziel, aber auch die eigene Karriere im Blick. Das ist nun leider so. Ob wir es jemals ändern können, weiß ich nicht. Der Ort einer Veröffentlichung ist auch so eine Prestigefrage. Aber wir haben noch unseren privaten literarischen Arbeitskreis: Da ist es schon jetzt anders; um Stellen geht es hier nicht, weil es sie nicht gibt. Prestigefragen sind unbekannt. Wir arbeiten nur miteinander. Ich genieße das.

Ein Professor für Literaturwissenschaft

 

Wir haben einen Arbeitskreis »Alt und Jung«, der wirklich viel arbeitet. Wir lesen viel, diskutieren, entwerfen Modelle, sprechen mit anderen. Neulich war ich auf einer Tagung von Soziologen, Psychologen und Pädagogen zu unserem Thema. Ich hatte den Eindruck, dass alles, was ich dort hörte, aus einem ganz fernen Land kam. Alles klang ungeheuer klug, aber auch ungeheuer abstrakt und abgehoben. Ich war froh, als ich wieder in unserem Kreis war. Auch dort sind Psychologen und Ärzte dabei, die es mit Altersproblemen zu tun haben. Aber etwas ist entscheidend anders als bei jeder Tagung: Unsere Probleme stehen uns unmittelbar vor Augen. In der Wohnanlage nebenan versuchen wir zu sehen, worum es eigentlich geht, um umzusetzen, was uns dazu einfällt. Einer unserer Psychologen meint, das sei praktische Wissenschaft. Mir ist das wichtig und unwichtig zugleich.

Eine pensionierte Lehrerin

 

Ich erinnere mich noch, dass ich als Kind immer wenn meine Mutter beispielsweise sagte: »Oh, schon halb zehn“« erwiderte: »Nein, es ist 9 Uhr sechsunddreißig“«
Manchmal muss ich heute daran denken, wenn ich sehe, welche Genauigkeitsjagden ausgetragen werden, obwohl es häufig darum gar nicht geht.

Eine Verkäuferin

 

Für mich gibt es kein Fach, das ich beachten müsste, und deshalb auch keine Fachgrenzen. Ich lerne, wozu ich Lust habe. Am meisten interessiert mich das, was sich nicht gut einordnen lässt. Das sind die Bereiche, die uns wirklich herausfordern. Für viele Freundinnen ist dies ein Horror, weil sie da unsicher sind. Für mich ist es eine intelektuelle Herausforderung. Ich brauche dazu kein Diplom oder einen Doktortitel. Deshalb gefällt mir auch die Wikipedia-Idee so gut: Niemand fragt hier, was du studiert oder ob du einen Lehrstuhl hast. Ich habe schon zweimal Texte dort verbessert. Noch steht da, was ich geschrieben habe.

Ein Volkshochschulbesucher

 

Ich glaube, dass die vergleichsweise einfachen Problemstellungen und Arbeitsformen, die wir in unserer sozial orientierten Regionalforschung benutzen, nicht schlechter sind als die raffinierten Frageweisen und sehr abstrakten Methoden der Universitätssoziologen. Und deshalb hoffe ich auf etwas: dass sie auf jene zurückwirken könnten und dazu beitragen können, die Gesellschaftswissenschaft wieder etwas lebensnäher zu machen. Dies wäre ein kreativer Beitrag zur Veränderung der Universität.

Eine Lehrerin, Mitglied eines sozialen Netzwerks

 

Neulich sagte mir ein befreundeter Wissenschatler: Nur wenn eine Theorie im Spiel ist, geht es um Wissenschaft.
Das glaube ich auch. Aber diese Theorie muss wohl kaum in jedem Falle ausformuliert und in Fachzeitschriften als solche publiziert worden sein. Viele haben wir einfach im Kopf und es ist uns vielleicht noch nicht einmal bewusst. Wissenschaftler, die sich dafür interessieren, formulieren sie dann aus und diskutieren darüber. Doch sind all die anderen, die das nicht tun oder nciht wollen oder können, keine Wissenschaftler? Oder keine guten Wissenschaftler? Arbeiten sie nicht einfach nur auf einem anderen Feld, näher bei den Beobachtungen, die sie machen?
Ist das schlechter oder mangelhaft?

Ein Taxifahrer

 

Wenn ich durch die Landschaft gehe, erwarte ich bestimmte Vogelarten. Vor einigen Jahren sang noch über fast jedem Acker eine Feldlerche. Jetzt kann ich lange laufen, bevor ich eine höre. Im Wald nebenan gab es immer Trauerschnäpper. Jetzt fehlen sie. Warum? Für mich ist meine Hobbyornithologie eine vielseitige, angewandte Ursachenforschung. Die tausend Veränderungen in der Landwirtschaft, im Klima, im Verkehr, in unseren Gewohnheiten: Alles spielt eine Rolle. Die Vogelkunde heute ist schwierig geworden, denn viele Zusammenhänge erkennen wir offenbar nicht.

Ein Handwerker

 

Wenn ich in Ruhe lernen oder nachdenken möchte, ziehe ich mich zurück. Es gibt Freunde, die suchen dann andere Freunde auf und reden. Das funktioniert bei mir selten. Es kann sein, dass im Gespräch die Gedanken klarer werden, aber je mehr Leute beteiligt sind, desto mehr Meinungen schwirren durcheinander. Der Gipfel der Unklarheit ist das Internet. Das Gute versteckt sich dort unter sehr viel Müll. Nur selten findet man es.
Schwärme sind etwas für Tiere mit wenig leistungsfähigen Einzelgehirnen. Menschen gehören nicht dazu. In der Wissenschaft gibt es beides: Dinge, die man allein und solche, die man gemeinsam mit anderen besser erledigen kann. Wissenschaft auf ersteres zu reduzieren, halte ich für falsch.

Ein Chemielaborant

 

Ich freue mich schon wieder auf die »Stunde der Gartenvögel«. Zwar fühle ich mich bei einigen Vogelarten noch nicht sicher, aber die große Zahl der Teilnehmer wird unsere Fehler schon ausgleichen. Es macht jedenfalls Spaß, dabei sein zu können. Hier forscht nicht einer, hier forschen viele gemeinsam.

Eine Bildhauerin

 

Es gibt kaum noch ein Gutachten ohne Gegengutachten. Nicht nur bei »weichen« Themen wie psychologischen Begutachtungen, sondern auch bei den angeblichen »harten« Gutachten zu Bodenschätzen oder Energieformen. Zum Glück ist oft erkennbar, welche Interessen dahinter stehen. Das Problem ist nur: Die Wissenschaft wird für alles in Anspruch genommen. Besser gesagt: Sie lässt sich für alles in Anspruch nehmen.
In unserem Arbeitskreis »Migrationsprobleme« lassen wir das nicht zu. Auch bei uns gibt es verschiedene Meinungen. Aber wir sind niemandem verantwortlich. Es ist ein freier Zusammenschluss von Leuten, die nach praktischen Lösungen für ein großes gesellschaftliches Problem suchen. Wir kommen aus den verschiedensten Berufen.

Eine Buchhändlerin

 

Vor kurzem hat mir mein Vater, ein Journalist, vorgeworfen: Du gehst doch nur deinen Hobbys nach! Ich habe ihm geantwortet: Und du etwa nicht? Wenn ich sehe, was er macht, dann sind das zu 90 Prozent Sachen, die er gern macht, weil sie ihn persönlich stark interessieren.
Mit seinem Vorwurf an mich wollte er übrigens sagen, dass ich mein Studium vernachlässige, weil ich mich im Allgemeinen Studierenden-Ausschuss betätige und tatsächlich viel Zeit damit verbringe, gegen die Verschlechterung unserer Studienbedingungen speziell auch für Frauen zu demonstrieren. ich habe mir auf diesem Gebiet jetzt Kompetenzen erworben, aber nicht nur persönliche, sondern auch objektiv benötigte, übergreifende, problemorientierte, wirklichkeitsbezogene.

Ein weibliches AStA-Mitglied

 

Was mich antreibt? Ich will herausbekommen, ob dieses Gerede in unseren Zeitschriften und Büchern über angebliche Degenerationserscheinungen von Buntbarschen bei Nachkommen höherer Generationen in der Sache gründet oder nur in nachlässiger Pflege. Mein Verdacht ist, dass letzteres durch eine interessant klingende These verdeckt wird. Wer gibt schon gern zu, dass er im Laufe der Zeit nachlässiger geworden ist? Da passt es gut, dass es Degenerationserscheinungen gibt. Im konkreten Fall könnten sie als eine bequeme Ausrede dienen. Man muss nicht mehr zugeben, Fehler gemacht zu haben.

Ein forschender Hobbyaquarianer

 

Wenn wir uns in unserer Geschichtswerkstatt nicht um diese Fragen unserer lokalen Vergangenheit kümmern würden, täte es wahrscheinlich niemand. In der Universität gab es eine Stelle für Regionalgeschichte, aber die ist gestrichen worden. Es ist ja in Ordnung, wenn dort großräumig Geschichte erforscht und anspruchsvoll gedeutet wird. Aber es ist nicht in Ordnung, wenn die historische Universitätswissenschaft die kleinräumige, »normale« Geschichte vergisst oder abwertet.

Eine Hausfrau

 

In unserer Siedlung versuchen wir vieles anzuwenden und umzusetzen, von dem wir zu wissen glauben, dass es für die Zukunft der Gesellschaft allgemein notwendig ist (oder einer der notwendigen Wege). Dazu gehört, dass wir uns in viele Richtungen selber weiterzubilden versuchen. Manche tun dies mehr theoretisch, andere mehr praktisch; jeden Donnerstagabend tauschen wir uns aus. Ich denke nicht, dass wir alles richtig machen, aber wir bemühen uns darum, unser Wissen am Notwendigen und unser Handeln an diesem Wissen auszurichten.

Ein leitender Angestellter

 

Es gab eine Situation in der neuesten deutschen Geschichte, in der klar wurde, was das Wissen der Bürger bewirken kann: das Ende der DDR. Ich gehörte damals zu denen, die »Wir sind das Volk!« gerufen haben. Fast zwei Jahre lang habe ich mich zuvor mit anderen in unserer Umweltgruppe im Schutz der Kirche getroffen, wo wir westliche Bücher über Umweltverschmutzung, über Gifte in Wasser, Boden und Luft lesen konnten. Ich weiß noch, dass ich mich am Schluss kaum noch zu atmen traute. Zweierlei hat uns damals stark gemacht: die erkennbare Schäche der Greise, die an ihrer Macht klebten, und unser Wissen.

Ein Verfahrensingenieur

 

Ich kann mir kaum noch vorstellen, wie es ohne Internet war. Natürlich kannst du dumm fragen, dann bekommst du auch von einer Suchmaschine eine dumme Antwort. Das war früher nicht anders. Es ist ein bisschen so wie in einem unaufgeräumten Haus: Wenn du etwas Bestimmtes suchst, findest du erstmal nur wertloses Zeug. Aber du weißt: Das Gesuchte ist da. Den Verstand zu gebrauchen hilft auch im Internet beim Suchen und Finden. Viele scheinen aber zu denken: Seit es das Internet gibt, brauchen wir den Verstand nicht mehr.

Eine Rechtsanwältin

 

Die in der Uni kommen doch deshalb nicht voran, weil sie nur in ihren Labors und Dienstzimmern sitzen. Das Leben findet draußen statt. Kein Wunder, dass sich so viele Wirtschaftsprofessoren mit Spieltheorie beschäftigen; ja »beschäftigen« ist wohl das richtige Wort. Es ist eine Beschäftigungsmaßnahme. Wer die wirklichen Probleme kennen lernen will, muss aktiv werden und erstmal das wirkliche Leben kennen lernen. Ds kennen die doch gar nicht. Die meisten Wissenschaftler erforschen Spielzeugprobleme. Draußen in der Welt kann man ernsthaft forschen, vielleicht nicht spitzenmäßig, aber lebendig, realitätsverbunden, nützlich.

Ein Berufsmusiker

 

Wenn ich sagen soll, was mich an der Wissenschaft am meisten stört, dann ist es diese scheinbare Abgeklärtheit. Die meisten Herren Wissenschaftler tun so, als ginge sie das alles nichts an. Sie scheinen über den Dingen zu stehen. Im Alltag gibt es viele haarsträubende Tatsachen, ungeklärte Riesenprobleme, größte Konflikte und gefährliche Stiuationen. Meistens sagen Wissenschaftler dazu gar nichts, wenn sie etwas sagen, hört es sich so an, als hätten die das Problem gelöst. Mir treibt dies jedes Mal das Blut in die Adern. Mein persönliches Wissen stößt sich häufig hart an den Tatsachen um mich herum. Aber die Herren Wissenschaftler regen sich anscheinend über nichts auf, es sei denn über ein kleines Spezialproblem, das sie selbst entdeckt haben.

Ein Bildhauer

 

Es ist mir egal, ob das, was ich mache, Wissenschaft ist oder nicht. Hauptsache, es ist etwas Sinnvolles. Man hat mir gesagt, es sei schon Wissenschaft, aber eine Wissenschaft von gestern. Da frage ich mich: Wie kommt es eigentlich, dass eine angebliche Wissenschaft von gestern sich ernsthaft mit Problemen von heute befassen kann? Und meine Ergebnisse zum Seltenerwerden der Lerchen auf den hiesigen Feldern bei unseren Naturschutzbehörden so begehrt sind?! Vielleicht sind wir gar nicht von gestern, sondern achten nur häufiger als die Nobelpreisträger auf die normalen Probleme um uns herum, die sie manchmal vielleicht gar nicht mehr wahrnehmen?
Neulich, als ich einmal in der hiesigen Universität war, weil sie Schüler zu einem »Schnupperkurs« eingeladen hatte, ist mir aufgefallen, wie viel weiter weg von meinem Alltag plötzlich die Probleme waren, um die es dort ging. Ich war auf einmal gar nicht mehr so sicher, dass ich studieren wollte.

Ein Schüler

 

Wissenschaft ist oft ineffektiv organisiert. Besonders wenn ich diese Hobbywissenschaftler sehe, von denen es heute immer mehr gibt. Wie laienhaft läuft da vieles ab! Und dann klagen sie über mangelnde Resonanz! Aber auch die Berufswissenschaftler an den Universitäten machen vieles genauso umständlich. Dies kann die Wirtschaft einfach besser, weil sie es aus Konkurrenzgründen besser machen muss. Wenn wir ein neues Produkt bewerben müssen, dann müssen wir als erstes herausfinden, wer die entscheidenden Leute in den Medien sind, die heute die Meinungsbildung beeinflussen. Mit irgendwelchen Lokalgrößen kann man sich da nicht lange aufhalten, sonst ist die Konkurrenz schneller. Wenn die wirklich zuständigen Leute wissen, worum es geht, wandert die Information schnell nach unten. Solange elementares Marketing nicht in die Köpfe der Wissenschaftler einzieht, wird da nichts besser. Ganz schlimm sind die Hobbywissenschaftler. Die haben oft noch nicht einmal eine klare Hierarchie, wie Kommunikation verlaufen sollte. Das kann natürlich nichts werden.

Ein leitender Angestellter in der Automobilbranche

 

Wir haben demnächst nicht mehr genug Geld, um unsere Berichtsbände regelmäßig erscheinen zu lassen. Früher erschienen sie mal jährlich, zuletzt dann alle zwei Jahre. Früher gab die Stadt etwas, auch der Regierungspräsident, gelegentlich kamen auch Bußgelder dazu, die das Gericht ehrenamtlichen Organisationen zusprechen kann. Das alles ist fast versiegt. Unsere Mitgliedsbeiträge können wir nicht in dem Umfang erhöhen, der nötig wäre, diese Ausfälle zu kompensieren.
Auch ehrenamtliche Regionalforschung kostet Geld, privates Geld. Viele staatliche Stellen scheinen das nicht zu sehen oder für Schicksal zu halten. Vielleicht müssen wir in einigen Jahren aufhören und den Laden dicht machen. Wenn ich dies sage, ernte ich nur ein Schulterzucken. So wenig sind wir wert?

Die Vorsitzende einer regionalen Naturforschenden Gesellschaft

 

Ich bin Student. Ich habe bisher keinen Paradigmenwechsel nötig, denn ich bin noch nicht gestgelegt. Warum eigentlich meine Profs so festgelegt sind, wie sie sind, erschließt sich mir nicht. Nur eines sehe ich: Dass es in der Wissenschaft um Wahrheit ginge, stimmt nicht. Es geht um Macht. Meine Dozenten führen mir dies tagtäglich vor.
Ich fürchte mich etwas vorm Examen. Denn da wird man vielelicht auch von mir verlangen, mich festzulegen. Oder ich bekomme eine schlechte Zensur.

Ein Soziologiestudent

 

Die bisherige Bildungspolitik, von welcher Partei auch immer, ist geradezu abenteuerlich falsch. Sie lässt es zu, dass viele junge Leute nicht die bestmögliche Ausbildung bekommen und sie steckt viel Geld in aberwitzig teure Projekte, die nur dem internationalen Ansehen dienen, aber nicht dem, was wir wirklich brauchen. »Exzellenzinitiative«, allein das Wort genügt, um die armen Forscher zu bedauern, die ihre Zeit mit Bewerbungen hierfür vertun müssen. Ein Beleg dafür, dass wir überwiegend doch noch eine Nichtwissensgesellschaft sind.

Ein Abgeordnetenassistent

 

Demokratie in der Wissenschaft? Schön und gut. Aber faktisch haben wir Ökonomie in der Wissenschaft. Nicht schön und nicht gut. Warum? Weil wir noch immer keine nachhaltige Wirtschaft haben. Der Markt bestimmt, wo es lang gehen soll. Nun also auch in der Wissenschaft? Deshalb arbeite ich in einer Bürgerinitiative mit, die diese Tendenzen wieder abschächen möchte. Ob wir Erfolg haben? Ich weiß es nicht, aber von solchen Überlegungen kann man sein Engagement nicht abhängig machen. Man muss tun, was richtig ist.

Eine Versicherungsangestellte

 

Alle Parteien reden von Nachhaltigkeit und die Regierung verweist auf ihre Erfolge. Auf mich wirkt das völlig weltfremd. Der Flächenverbrauch geht ungehemmt weiter, die Wachstumssucht ist ungebremst, das Artensterben ebenfalls, die Reichen werden reicher und die Armen ärmer. Wo sind die beschworenen Erfolge? Wenn es heißen soll, ohne unsere Politik stünden wir noch schlechter da, wir machen so weiter, dann gute Nacht. Dann schaffen wir es nicht.
Man müsste alle verfügbaren Kräfte zusammentun, aber wie sollte das gehen? Die Wirtschaft und die Politik sind nicht wirklich an Nachhaltigkeit interessiert, sondern an Wachstum. Beides geht nicht zusammen. Welche Gestaltungskräfte können wir also noch mobilisieren?

Ein Sozialarbeiter

 

 

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