Abwasser und Bücher

Eine Meldung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung aus dem Frühjahr berichtet, dass eine Plattform den Austausch über Abwasserepidemiologie fördern soll. Die Konzentration bestimmter Virusformen in Proben aus Abwasser erlaube Rückschlüsse über die Entwicklung von Virusvarianten in der Bevölkerung bestimmter Gebiete. Welche Rückschlüsse lassen sich noch aus Unrat ziehen?

Beim Stöbern in öffentlichen Bücherschränken ist es keine Überraschung auf Gesetzestexte, sog. Beck-Texte im dtv, zu stoßen. Solche Ausgaben von Gesetzestexten sind im Verhältnis zu anderen Gesetzestextausgaben kostengünstig, schnell veraltet und die Anschaffung erfolgt meistens nicht ganz freiwillig, beispielsweise weil die Texte für die Schule oder für andere Bildungsinstitutionen angeschafft werden müssen und nach einem Schuljahr oder Semester bereits ihren Daseinszweck erfüllt haben. Möglicherweise landen die meisten dieser Gesetzestexte bereits im Altpapier, weil dem individuellen Buch wegen der genannten Gründe kein Wert beigemessen wird. Dass diese wertlosen Bücher überhaupt so häufig in öffentlichen Bücherschränken gefunden werden können, hängt wohl mit der schieren Menge ihrer Verbreitung zusammen. Irgendjemand empfindet auch bei einem wertlosen und veralteten Massenartikel noch Skrupel, diesen ins Altpapier zu geben, solange es sich um ein Buch handelt.

Es gibt auch Bücher die in öffentlichen Bücherschränken häufig anzutreffen sind, obwohl ihr Anschaffungsgrund sich nicht direkt aus der Mitgliedschaft in einer Bildungsinstitution ergibt. Der Reader’s Digest Verlag wirbt damit, dass seine Auswahlbücher seit mehr als 60 Jahren die erfolgreichste Buchreihe der Welt sind und jeder Band vier gekürzte Romane enthalte. Was sagt es aus, in einem Bücherschrank dutzende derartiger Auswahlbücher zu finden, die noch dazu einen ungelesenen Eindruck machen? Es könnte ein Hinweis auf Scham sein. Angenommen die Bücher erscheinen monatlich und werden in Form eines Abonnements mit der Post zugeschickt: Dutzende Bücher bezeugen mehrjährigen kostenpflichtigen Bezug. Wenn die Bücher sich im öffentlichen Bücherschrank wiederfinden, könnte es sein, dass ihre Inhaber vielleicht nicht mehr mit ihrem Erwerb konfrontiert werden wollten. Vielleicht bezeugen die Auswahlbücher auch das Scheitern von Bildungsaspirationen. Die Bücher könnten über Jahre angesammelt worden sein in dem Wunsch, irgendwann die Gelegenheit zu finden, die Bücher letztlich auch zu lesen, statt sie nur ins Regal zu stellen. Vielleicht sind die Besitzer verstorben und Erben stellen fest, dass industriell gefertigte Massenartikel nicht wertvoll sind und entledigen sich ihrer mit Hilfe der öffentlichen Bücherschränke.

Bücher die zwangsweise angeschafft werden lassen sich auch als recycelbares Abfallprodukt nicht vermeiden. Werden Bücher dagegen freiwillig angeschafft, müsste sich ihre massenweise Entsorgung bereits im Vorfeld verhindern lassen. Abwasser fällt in dieser Betrachtungsweise in die erste Kategorie unfreiwilligen, also nicht zu vermeidenden, Überflusses. Der Begriff der Abwasserepidemiologie beinhaltet dabei, dass Abwasser nicht einfach Müll ist, sondern aus anderer Perspektive sehr wertvoll erscheinen kann, obwohl sein Dasein niemand bestellt hat. Unter den Bedingungen von Überfluss müsste noch sehr viel mehr wertvolles ausfindig gemacht werden können.

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