Netz und Netzwerk

1887 erschien Gemeinschaft und Gesellschaft, das später zu einem soziologischen Entstehungswerk stilisiert wurde. Die Begriffe der Gemeinschaft und der Gesellschaft werden darin versucht zu klären, durch Abgrenzung voneinander. Der jeweils andere Begriff dient dabei lediglich als Hilfsmittel, um dem jeweils eigentlichen Begriff eine Kontur zu geben, wie aus dem Nichts. Die Begriffsbestimmung ist nicht als Rekonstruktion gedacht. Die Annahme lautet nicht, dass bereits bekannt sei, was der Begriff impliziere und dieses Wissen nur aufgedeckt werden müsse. Der Begriff wird überhaupt erst gefunden, durch die Auseinandersetzung mit einer Gegenfiktion. Es ist nicht schon alles klar. Wir müssen nicht nur recherchieren und uns bilden. Nicht nur Sammeln und Ablegen und die Auswahl einer Rekombination davon einer höheren Macht anvertrauen. Welche Macht sollte das sein und wer bestimmt über sie? Es gibt keine Auswahl außerhalb des Auswählens. Mit Luhmann: Selektion kommt nur als Beobachtung eines Beobachters vor. Alles andere gibt es zwar, aber nicht als Kommunikation.

Der Autor von Gemeinschaft und Gesellschaft, Ferdinand Tönnies, kam aus ländlichen Verhältnissen. Mit der Sprache der akademischen Welt ist er nicht aufgewachsen und die Ausdrucksweise seiner akademisch geprägten Wissenschaftskollegen war ihm fremd. Aus diesem Umstand erklärt sich eine schwer verständliche, eigene Sprache. Ein Versuch des Formulierens von jemandem für eine Sprachgemeinschaft, der dieser Sprachgemeinschaft nicht angehört. Vermeintlich künstliches Geschwurbel. In Wahrheit jedoch ein Versuch der Anbiederung von jemandem der Angst davor hat, ausgegrenzt zu werden, wenn er als er selbst auftritt.

In Anlehnung daran könnte es hier vielleicht auch gehen. Also erfinden wir die Begriffe des Netzwerk und des Netz, unter Verwendung des jeweils anderen Begriffes als Hilfsmittel dafür.

Fangen wir ganz bescheiden einfach mal an:

Netz

Das Netz ist eine Lösung. Lange Zeit war der Zugriff auf Informationen ein Problem. Zwar gab es schon immer Möglichkeiten sich Informationen zu besorgen, aber dafür musste Aufwand betrieben werden. Monographien gab es nur als Bücher, die an eigens dafür eingerichteten Orten bezogen werden konnten. Geschichten und Erzählungen mussten an einem Ort, an dem sie als Information verfügbar waren gesammelt, aufgeschrieben, und als Schriftdokumente an andere Orte transportiert werden, um auch dort zur Verfügung zu stehen. Das Netz bildet eine Infrastruktur, um das räumliche Zugriffsproblem auf Informationen zu lösen und Informationen an jedem Ort zu ermöglichen. Das gilt sowohl für die Möglichkeit der Aufzeichnung von Informationen, als auch für die Zugriffsmöglichkeit auf dieselbe. In Bezug auf Information spielt die räumliche Unterscheidung damit keine Rolle mehr. Das Netz hat dieses Problem nivelliert. Diese Lösung, das Netz, bildet eine Infrastruktur eigener Art, die als Überfluss aus der Problemlösung des Zugriffs und Ablegens von Informationen zur Verfügung steht. Was das bedeutet ist damit unklar. Von Lösungen kann man erstmal nichts lernen, dafür müsste zunächst auf Basis einer gefundenen Lösung ein neues Problem entdeckt werden.

Netzwerk

Das Netzwerk ist das Problem das durch die Infrastruktur Netz in Erfahrung gebracht werden kann. Die Ausweitung des Ablegens von Informationen ist so weit fortgeschritten, dass sich keine Informationen nicht im Netz finden lassen. Über das Hinzufügen weiterer Informationen und die Möglichkeit des Abrufens von Informationen ist dadurch nicht länger Zugewinn verbunden, im eigentlichen Sinne einer Problemlösung. Stattdessen bildet die Fülle an Informationen über alles und jeden die Grundlage dafür, ein neues Problem in Erfahrung zu bringen, das bislang weder als Problem bekannt war, noch gezwungenermaßen als Problem beobachtet werden muss. Tatsächlich hat sich die westliche Zivilisation nämlich von bekannten Problemen weitestgehend gelöst. Krieg, Hugner und Elend sind aus der eigenen Kultur verschunden und nur noch als externalisierte Phänomene bekannt, die nicht mehr als Problem, sondern nur noch für moralistisch geführte Debatten thematisiert werden. Vermeintliche Katastrophen wie die Expolosion von Kernkraftwerken oder Unwetter sind gleichermaßen unproblematisch, weil auch solche Phänomene bereits eingearbeitet sind in die Selbstverständlichkeiten der eigenen Kultur. Es käme demnach genau darauf an: Das Netz dazu zu verwenden, ein Problem in Erfahrung zu bringen, das als Problem auffällig ist. Das Netzwerk erlaubt es, Informationen, über die als problematisch informiert wird, zu beobachten. Die arbiträre Ausweitung von Informationen macht plausibel, dass die entscheidenden Probleme, die bearbeitet werden können, bereits als Information zur Verfügung stehen, als solche aber noch nicht bearbeitet werden oder bearbeitet werden können. Das Problem des Netzwerkes könnte also darin bestehen, diese Probleme zu suchen und zu finden. Das finden von Problemen ist das derzeitig einzig bekannte Problem.

Dieser Blogbeitrag ist als Einreichung für die Blogparade #blgntzwrk entstanden.